Spricht auch mal russisch, obwohl er’s nicht kann: Kaya Yanar kommt im Mai nach Göttingen. Foto:  Nadine Dilly/ nh

Er ist am 18. Mai in Göttingen

Tempolimit von 120: "So parken wir ja rückwärts ein" - Interview mit Comedian Kaya Yanar

„Es gibt schon viele Türken in Deutschland“, sagt der Papa. Und ich sage, „Papa, du bist selber Türke.“ Und er sagt, „Ich bin andere Türke.“ Ein kleiner Auszug aus unserem Interview mit Comedian Kaya Yanar. Hier lest ihr das komplette Gespräch.

Wir kennen ihn als düster blickenden Hakan. Die Sendung „Was guckst du?“ machte ihn berühmt. Jetzt haben die Deutschen es ihm angetan: Am 18. Mai kommt Kaya Yanar (43) in die Stadthalle nach Göttingen und witzelt dort in seiner Show „Planet Deutschland“ über die Bayern, Schwaben, Sachsen. Warum er Dialekte liebt und was er im Kindergarten gelernt hat, hat er uns im Interview verraten.

Hast du einen Bezug zu Göttingen?

Kaya Yanar: Fünf Mal war ich schon da, und es war immer wieder toll. Es gibt einige Städte, wo man sagt, nachts reinfahren und nachts wieder rausfahren, damit man nichts von der Stadt sieht. Aber Göttingen ist hübsch.

Was sind solche Orte?

Kaya Yanar: Das kann ich nicht sagen, weil da trete ich sicher noch mal auf. (lacht)

Du lebst derzeit in der Schweiz und hast mal gesagt, dass du dich im Ausland als Deutscher fühlst. Woran erkennt man Deutsche im Ausland?

Kaya Yanar:Ich kann das an der Schweiz festmachen. Hier gibt es ein Tempolimit von 120, und das macht jeden, der aus Deutschland kommt, wahnsinnig. 120, so parken wir ja rückwärts ein. In der Schweiz hab ich in den ersten Jahren schon eine ganze Menge Buße bezahlt, wie man so schön hier sagt. Das Zweite ist die Lautstärke. Der Schweizer redet per se eher leise. Zum Beispiel in der S-Bahn: Der Flüsterton ist ganz leise und kaum kommen Deutsche ins Abteil (macht Deutsche beim lauten Telefonieren nach), fange ich an, den Kopf zu schütteln: „Diese Deutschen“. Meine Freundin sitzt neben mir und sagt, du bist Deutscher.

Mein Vater war genau so. Der hat 40 Jahre in Deutschland gelebt und am Ende seines Lebens sagte er: „Es gibt schon viele Türken in Deutschland.“ Und ich sage: „Papa, du bist selber Türke.“ Und er sagt: „Ich bin andere Türke.“ Daran merkt man, dass man angekommen ist. So geht’s mir in der Schweiz.

Welche deutschen Marotten hast du selbst?

Kaya Yanar:Mal abgesehen vom Schnellfahren – und auch ich bin nicht immer im Flüsterton unterwegs – erwarte ich im Ausland, dass es deutsche Verhältnisse gibt. Ich fahre in der Türkei Auto, und die fahren da wie im Wilden Westen. Und dann fange ich an, mich aufzuregen. (Regt sich auf). Haben wir denn keine Verkehrsregeln hier und keine Ampeln und warum ist denn das und hier muss doch ein Blitzgerät... Da versuche ich, meine deutsche Mentalität ins Ausland zu übertragen. Das ist natürlich total bekloppt. Aber ich glaube, das machen einige.

Was magst du an der deutschen Kultur gerne?

Kaya Yanar: Dass sie so vielfältig ist. Ob’s die Mentalität der verschiedenen Bundesländer ist, ob’s die Dialekte sind. Das finde ich großartig. Ich mag dieses Bayerische, das finde ich so attraktiv sexy, ich mag das verspielte Schwäbische, ich mag das luftisch Hessische (macht Hessisch nach), es gibt eine ganze Menge. Oder das kühle und coole Nordische. Oder das freche Berlinern (gerät ins Schwärmen). Es wird einem halt nicht langweilig in Deutschland.

Und in der Schweiz?

Kaya Yanar: In der Schweiz gibt’s den Kantönli-Geist. Die Kantone sind vom Dialekt brutal anders, teilweise verstehen die sich untereinander gar nicht. Das haben wir in Deutschland zum Glück nicht.

Hast du einen Lieblingsdialekt?

Kaya Yanar: Ich mag dieses nasale Sächsische. Das finde ich irgendwie süß, wie das sö rüberkömmt... (fängt an zu sächseln). Das glaubt mir irgendwie keine Socke. Ich kann an keinem Akzent oder Dialekt vorbeigehen, ohne ihn zu imitieren.

Woher kommt deine Liebe zu Akzenten und Dialekten?

Kaya Yanar:Das lag auch daran, wie ich aufgewachsen bin. Meine Eltern haben Türkisch miteinander gesprochen, mit uns Deutsch mit Akzent und dann hab ich natürlich als Kind gemerkt, wir reden anderes Deutsch als die Deutschen im Kindergarten. Ich glaube, da wurde mein Gehör früh geschult.

Ich liebe es zum Beispiel, wie meine Mutter spricht. Sie denkt immer, ich lache sie aus. Teilweise verdreht sie die Buchstaben, das speichere ich seit meiner Kindheit im Kopf ab. Und immer, wenn ich Leuten mit Akzent oder Dialekt zuhöre, dann geht mir das Herz auf, weil ich an meine Eltern denke.

Woher kommt dein Talent, komische Situationen aus dem Alltag herauszufiltern?

Kaya Yanar: Ich glaube, das wird einem in die Wiege gelegt, dass man anfängt zu lachen, wenn was schief geht. Es sei denn, es geht bei mir etwas schief. Dann kann ich erst mit Abstand darüber lachen. Aber wie sagte Woody Allen: Comedy ist Schmerz plus Zeit.

Kannst du auch mal nicht lustig sein?

Kaya Yanar: Selten (lacht). Ich bin da schlecht drin. Aber bei Beerdigungen ist Comedy unangebracht. Das sollte einen sensiblen Komiker ausmachen, dass er nicht wie ein Maschinengewehr irgendwelche Gags rausfeuert.

Worüber man sich lustig machen kann, ist die Reaktion auf gewisse Dinge. Mich hat der Terrorakt in St. Petersburg mitgenommen, und ich habe mich gewundert, warum das Brandenburger Tor nicht angestrahlt war. Haben wir das aus Solidarität nicht immer gemacht? Da kann man Gags drüber machen, aber über den Akt selber nicht, ganz klar.

Kommen deine Figuren Ranjid oder Hakan auch im Alltag manchmal zum Einsatz?

Kaya Yanar: Ständig. Das ist ein Problem. Ich nenne es Spiegelreflexsyndrom. Mir ist das in Russland im Museum passiert. Die Museumswärterin sagte mir, dass ich meinen Rucksack nicht auf der Fensterbank abstellen darf, also auf Russisch. (Macht Russisch nach). Ich hab ihr wie aus der Pistole geschossen auf Russisch geantwortet (macht die Antwort auf Russisch nach). Dabei kann ich kein Russisch. Der Gesichtsausdruck von ihr war sensationell. Das passiert mir ständig. Dann merkt man, dass die Leute für eine Sekunde versuchen, mich zu verstehen, weil sie denken, das ist doch irgendwas aus unserer Sprache? Und dann merken sie, dass ich sie verarsche.

Und dann gibt es Ärger?

Kaya Yanar:Meine Freundin ist gar nicht happy damit, weil sie sagt, irgendwann stößt du an einen, der gar keinen Spaß versteht, und der haut dir eine. Aber bisher ist es, Gott sei Dank, noch nicht passiert.

Ich kann auch nicht zum Inder gehen, ohne den Akzent zu imitieren (bestellt mit Akzent einen Mango Lassi). Dann gucken sie mich an und fragen: „Sind sie auch Inder?“ Und ich sag: „Nein, manchmal, vielleicht.“

Zurück zu Deutschland: Trinkst du auch so gern Mineralwasser?

Kaya Yanar: Ja, ich liebe es, alles zu verschorlen.

Also typisch deutsch?

Kaya Yanar: Ja, volle Kanne.

Zur Person

Kaya Yanar wurde in Frankfurt geboren. Dort studierte er Amerikanistik und Philosophie, entdeckte im Studium seine Leidenschaft für Komik und entschied sich, sie zu seinem Beruf zu machen. Für seine Ethno-Comedy erschuf er Figuren wie den türkischstämmigen Türsteher Hakan und den Inder Ranjid. Zur Zeit lebt der 43-Jährige mit seiner Freundin in der Schweiz.

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