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Ärzte vermuten, dass Jahr für Jahr bis zu 2400 Morde in Deutschland straffrei bleiben.

"Drei Viertel der ärztlichen Leichenschauscheine waren falsch."

Ungelöste Mordfälle: Wie Beweise in Gräbern verschwinden oder sich in Krematorien auflösen

Experten schätzen, dass auf jedes entdeckte Tötungsdelikt ein unerkanntes kommt. Im Interview spricht der frühere Kriminologie-Dozent Hermann Nobel über häufige Fehler bei der Ermittlungsarbeit.

Als Erster Kriminalhauptkommissar hat Hermann Nobel zahlreiche Tötungsdelikte in der Region analysiert. Mittlerweile ist der gebürtige Epteröder im Ruhestand und beschäftigt sich mit historischen Altfällen der Region. Wir haben mit dem Heimatforscher gesprochen.

Wie unterscheiden sich Tötungsdelikte von anderen?

Hermann Nobel: Tötungsdelikte waren früher und sind noch heute überwiegend Beziehungsdelikte, also Delikte im sozialen Umfeld.

Was ist über Täter und Opfer bekannt?

Nobel:Bemerkenswert ist die Täter-Opfer-Beziehung, wonach bis zum zehnten Lebensjahr des Opfers die Eltern, bis 30 Jahre Bekannte, bis 50 Jahre Ehepartner, bis 60 Jahre die Kinder und dann wieder Bekannte die Täter sind. Zu 90 Prozent sind Männer die Täter, in 30 Prozent der Fälle haben sie zum Opfer eine persönliche oder verwandtschaftliche Beziehung. Frauen stehen in einer weitaus engeren Beziehung zu ihrem persönlichen Umfeld, daher sind 80 Prozent ihrer Opfer jünger als fünf Jahre.

Was ist über das Dunkelfeld von Tötungsdelikten bekannt?

Nobel: Das Dunkelfeld der vollendeten vorsätzlichen Tötungen dürfte relativ gering sein, 90 bis 95 Prozent aller Morddelikte werden aufgeklärt. Jedoch ist im Bereich der Versuche von einem großen Dunkelfeld auszugehen. Unter Gerichtsmedizinern und Kriminalisten kursiert der Spruch: „Wenn auf jedem Grab eines unentdeckt Ermordeten eine Kerze stünde, wären Deutschlands Friedhöfe hell erleuchtet.“ Experten schätzen, dass auf jedes entdeckte Tötungsdelikt ein unerkanntes kommt. Selbst Ärzte vermuten, dass Jahr für Jahr bis zu 2400 Morde in Deutschland straffrei bleiben, weil die Beweise für die Verbrechen in Gräber abtauchen oder sich in Krematorien auflösen.

Bis heute ungeklärt: Der Mörder der aus Kaufungen stammenden Margrit Viehmann, die 1964 tot aufgefunden wurde, wurde nie gefasst. Diesen sowie weitere ungeklärte Fälle aus der Region besprach Nobel in seinen Seminaren.

Woran liegt das?

Nobel: Dafür gibt es einige Gründe, so etwa die unprofessionelle ärztliche Leichenschau. Untersuchungen ergaben, dass drei Viertel der ärztlichen Leichenschauscheine falsch waren. Häufig erfolgte eine Kleiderschau, obwohl die einschlägigen Verordnungen der Länder die Entkleidung und sorgfältige Inaugenscheinnahme forderten. Wenn der Arzt über unzureichende gerichtsmedizinische Kenntnisse verfügt, diagnostiziert er womöglich einen „Plötzlichen Kindstod“, obwohl Erstickungszeichen und Merkmale körperlicher Misshandlung für ein Fremdverschulden sprechen.

Kann die Kriminalpolizei dem entgegenwirken?

Nobel: Grundsätzlich nicht! Nur durch strengere Gesetze und Intensivierung der ärztlichen Aus- und Fortbildung können Verbesserungen erzielt werden. Da ein „natürlicher Tod“ vom Arzt nur attestiert werden darf, wenn sich dieser zweifelsfrei sicher aus einer plausiblen Kausalkette, Vorgeschichte und Leichenbefunden ableiten lässt, muss die Polizei nicht verständigt werden. Anders jedoch, wenn der Arzt „Nicht-natürlicher Tod“ oder „Ungeklärte Todesart“ bescheinigt.

Was sind häufige Fehler bei der Ermittlungsarbeit, die Sie feststellen konnten?

Nobel: Es gibt drei häufige Ermittlungsdefizite: 

  1. Das nicht rechtzeitige Ermitteln oder Erkennen von Problemen und Belastungen in der Täter-Opfer-Beziehung bei Vermisstenfällen, die möglicherweise eher für eine Tötungshandlung sprechen. Hier, ohne diverse Anfangsermittlungen, abzuwarten, weil sich die meisten dieser Fälle erfahrungsgemäß innerhalb von Tagen oder Wochen von selbst erledigen, reduziert den Beweiswert und die Aufklärungswahrscheinlichkeit um ein Vielfaches. 
  2. Eine Tatort- und Ermittlungsarbeit durch nicht ausreichend ausgebildete Sachbearbeiter, die aus anderen Bereichen hinzugezogen werden. Wichtig ist eine personell ausreichende Besetzung, der unverzügliche Beginn der Ermittlungen, eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Lokalpresse. Entscheidend für den Ermittlungserfolg sind die ersten Stunden und Tage. 
  3. Zielgerichtet ermitteln heißt auch, alle Vorurteile und einseitigen Hypothesen zu vermeiden. Wenn die überwiegende Zahl der Tötungsverbrechen Delikte des sozialen Nahraumes sind, gilt es für die Ermittler, in dieses Umfeld „einzutauchen“, sich mit der Tat, dem Opfer und möglichen Verdächtigen zu beschäftigen.

Werden ungelöste Fälle regelmäßig noch mal aufgerollt oder passiert dies nur auf konkrete Hinweise?

Nobel: Über eine zentrale Datenbank beim Bundeskriminalamt erfolgen automatisch Abgleiche vorliegender DNA-Täterspuren mit neu eingehendem Spurenmaterial. Darüber hinaus kann jede Dienststelle Material von nicht aufgeklärten Altfällen auf DNA-Spuren untersuchen lassen. Unabhängig hiervon werden Altfälle grundsätzlich noch nach Jahren aufgerollt. Hinterbliebene haben darauf keinen Einfluss, können aber daran erinnern.

Mord verjährt nie, Totschlag nach 20 Jahren

Je nach Motiv und Auslöser der Tat werden Tötungsdelikte in drei Kategorien unterteilt:

Mord: Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier, aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch, grausam, mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken einen Menschen tötet. Darauf steht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Totschlag: Wer einen Menschen tötet, ohne dass einer dieser Aspekte zutrifft, wird als Totschläger zu einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren verurteilt.

Minder schwerer Fall des Totschlags: Dieser liegt vor, wenn der Täter ohne eigene Schuld durch eine ihm oder einem Angehörigen zugefügte Misshandlung oder schwere Beleidigung von dem Getöteten gereizt und dadurch auf der Stelle zur Tat hingerissen wurde.

Seit 1979 gilt in Deutschland: Mord verjährt nicht, Totschlag nach 20 Jahren, in besonders schweren Fällen auch erst nach 30 Jahren. Ein minder schwerer Fall des Totschlags verjährt nach 10 Jahren. Da Mord nicht verjährt, wird das Spurenmaterial unbegrenzt aufgehoben, bei Totschlagsdelikten bis zum Eintritt der Verjährung.

Zur Person: Hermann Nobel

Hermann Nobel absolvierte Teile seiner Ausbildung in Hofgeismar und Kassel.

Hermann Nobel wurde 1937 in Großalmerode-Epterode geboren. Der Diplom-Verwaltungwirt und Erster Kriminalhauptkommissar a.D. begann seine Laufbahn als Polizeibeamter 1957/58 in Wiesbaden. Über weitere Ausbildungsstationen bei der Bereitschaftspolizei Hofgeismar und Kassel versah er Dienst bei der Polizeistation Hattersheim am Main, von wo er 1963 zum Hessischen Landeskriminalamt und 1971 zur Hessischen Polizeischule (heute Hessische Polizeiakademie) wechselte. 

Bis zur Pensionierung 1997 arbeitete er dort als Fachlehrer bei der Schutz- und Kriminalpolizei in der Aus- und Fortbildung des mittleren und gehobenen Dienstes, als Fachgruppenleiter Kriminologie und Leiter von Fortbildungsseminaren für Sachbearbeiter von Tötungs- und Rauschgiftdelikten. Für seine ehrenamtlichen vereins-, parteipolitischen und heimatgeschichtlichen Tätigkeiten erhielt er 2011 den Hessischen Verdienstorden am Bande. 

Nobel hat zahlreiche heimatgeschichtliche Veröffentlichungen herausgegeben, darunter die Orts- und Schulchronik Epterode, in Kürze soll das Ortsfamilienbuch Epterode erscheinen. Der Vater von zwei erwachsenen Töchtern ist verheiratet und wohnt in Wiesbaden.

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