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Manchmal ist Sterben nur Ansichtssache - je nachdem, an welchen Gott man glaubt: Cartoon von Oliver Ottitsch aus einer Karikaturenausstellung (2016) im Kasseler Sepulkralmuseum. 

"Die Geschäftsideen gehen an den Bedürfnissen der Hinterbliebenen vorbei"

Bestattungstrends: Steht die Kultur des Sterbens vor dem Tod?

Bestattermessen heißen heute "Happy End", Friedhöfe werden zu Parks, und Trauerangebote immer schräger. Manche nehmen sich gar die Asche von Angehörigen mit nach Hause. Ist die Bestattungskultur am Ende?

Heiko Schomburg hat Angst, dass fast alles, was mit dem Sterben zu tun hat, in Deutschland bald tot sein wird. "An der Bestattungskultur erkennt man ein Land", sagt der Bestatter aus Vellmar bei Kassel. Natürlich wird weiter gestorben, die Frage für Schomburg ist nur wie. Gerade fand in Hamburg die Bestattermesse "Happy End" statt. Es ging um neue Trends wie den, dass viele Menschen die Asche von Verstorbenen gern mit nach Hause nehmen würden.

Schomburg fragt sich, wer denn die verbrannten Überreste bekommt, wenn die Kinder sich streiten, und prophezeit: "Irgendwann liegen die Aschereste der Mutter im Müll." Trotzdem lautet ein Fazit der "Happy End"-Messe: "Der Tod wird zum Event." So titelte jedenfalls das "Hamburger Abendblatt". Ist es wirklich so schlimm um die Bestattungskultur bestellt? Wir beleuchten einige Trends rund um den Tod.

Keine Arbeit mit dem Grab

Die wichtigste Eigenschaft, die ein Grab heute haben muss, ist, dass es keine Arbeit macht. Wer in den 80er-Jahren auf den Friedhof ging, schaute, welche pompösen Grabsteine die Nachbarn ausgesucht hatten und wie bunt die gepflanzten Blumen waren. In der mobilen Arbeitswelt von heute bleiben jedoch die wenigsten Kinder in ihren Heimatorten. Wer 200 oder mehr Kilometer vom Grab seiner Eltern entfernt wohnt, fährt nicht alle zwei Wochen dorthin, um Unkraut wegzumachen. "Die Generation, die jetzt stirbt, weiß, wie schwer es ist, Gräber zu pflegen. Sie will ihren Nachkommen keine Kosten und Mühen aufbürden", sagt Schomberg. Auch deswegen boomen alternative Angebote wie der Friedwald im Reinhardswald, für den es mittlerweile lange Wartezeiten gibt. Auch anonyme Bestattungen sind deswegen beliebt.

Verbrennen

Für konservative Katholiken kommt die populärste Bestattungsmethode nicht infrage. Sie glauben an die Auferstehung des Fleisches. Nur: Wie soll das gehen, wenn der Körper nach dem Tod verbrannt wird. Trotzdem werden Urnenbestattungen immer beliebter. Sie machen 60 bis 70 Prozent aller Begräbnisse aus, sagt Gerold Eppler, kommissarischer Leiter des Kasseler Sepulkralmuseums.

Erlaubt sind Verbrennungen in der katholischen Kirche gar erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1963. Zudem wurden sie im Mittelalter diskreditiert, als Ketzer im Feuer bestraft wurden. Dabei galt die Feuerbestattung im Römischen Reich noch als vornehmer, wie Eppler sagt. Auch Gesundheitsgefahren konnten so eingedämmt werden.

"Die Bestattungskultur war jedoch schon immer wichtig für die kulturelle Identität", sagt Eppler. Rund um Kirchen in der Stadtmitte wurden große Friedhöfe angelegt, die wegen des Bevölkerungsrückgangs und alternativen Bestattungsformen heute kaum ausgelastet sind.

In Kassel etwa sank die Zahl der Beisetzungen von 2595 im Jahr 1990 auf 1569 im vorigen Jahr. Die Friedhofsverwaltung kostet die Stadt nun nicht mehr 100.000 Euro im Jahr, sondern 322.000 Euro. "Je weniger Menschen sich klassisch beerdigen lassen, umso teurer wird der Friedhof für alle", rechnet Bestatter Schomberg vor. Zugleich werden Friedhöfe immer mehr zu Parkanlagen.

Grüner wird's nicht

Auch wenn schwarz als Farbe von Trauer und Tod gilt, wird das Sterben immer grüner. "Seit Längerem werden ökologische Fragestellungen diskutiert", sagt Museumsleiter Eppler. Der Friedwald etwa hat Urnen entwickelt, die sich ökologisch abbauen. Und der Kasseler Hauptfriedhof erhielt gerade den Umweltpreis der evangelischen Landeskirche - unter anderem weil in der parkähnlichen Anlage in der Nordstadt auch Natur- und Vogelfreunde auf ihre Kosten kommen.

In anderen Ländern ist man sogar noch weiter. In Schweden werden Tote auf minus 196 Grad abgekühlt, bis der Leichnam zu Granulat zerfällt (die sogenannte Promession). Und in den USA gibt es die Resomation, bei der Leichen in starker Lauge komplett aufgelöst werden. Fans der Serie "Breaking Bad" kennen dieses Verfahren, weil die Hauptfigur Walter White sich so konkurrierender Drogendealer entledigt. Für das Klima wären beide Methoden besser als Krematorien, die auf Dauerbetrieb laufen. Museumsleiter Eppler lehnt sie trotzdem ab, weil sie "den Leichnam immer mehr zu einer Sache" machen: "Der Körper wird wie ein Abfallprodukt behandelt. Ein Stück weit wird ihm seine Würde abgesprochen."

Auch Bestatter Schomberg tut sich mit dem Öko-Trend schwer. Er warnt jedoch vor der Umweltbelastung bei Erdbestattungen: "Ob Chemotherapie oder Pille - durch Leichen gelangen immer mehr Substanzen ins Grundwasser." Darum prophezeit er: "Irgendwann wird es Zwangseinäscherungen geben." Denn beim Verbrennen werden die Schadstoffe gefiltert.

Schräger geht's immer

Auf der Bestattermesse Happy End war es nicht nur ernst, sondern auch lustig. So stellte die Firma "Besondere Botschaften" einen Dienst vor, mit dem man Videonachrichten bis zu 99 Jahre auf einem Server abspeichern kann, ehe sie den Nachfahren vorgespielt werden - für einmalig 189 Euro oder 19 Euro pro Jahr. In England kann man seine Asche in eine Schallplatte pressen lassen. Aus dem Mensch wird so Musik.

Für den Bestatter Schomberg ist das alles nur Geldmacherei. Er kritisiert ohnehin Kollegen, die "Menschen in Ausnahmesituationen ausnutzen. Einige waren so fertig, dass sie alles unterschrieben hätten". Museumsleiter Eppler erkennt in solchen Angeboten vor allem "Geschäftsideen, die an den Bedürfnissen eines Großteils der Hinterbliebenen vorbeigehen".

Auch der Last Message Club, der 2009 für Schlagzeilen sorgte, ist längst gestorben. Für 45 Euro im Jahr verschickte der britische Dienst nach dem Tod seiner Kunden Nachrichten an ausgewählte Personen. Damals dachte man, das sei die Zukunft der Trauergestaltung. Heute ist die Webseite längst begraben.

Eppler ist darum weitaus optimistischer als der Bestatter Schomberg. Er kennt keinen Kulturverlust beim Sterben: "Früher war nicht alles schlechter, sondern nur anders." Er warnt allerdings davor, sich eine Urne mit der Asche seines verstorbenen Ehegatten ins Wohnzimmer zu stellen, was streng genommen auch verboten ist, aber nicht verfolgt wird: "Es kommt sicher nicht so gut, wenn man sich mit einem neuen Partner trifft, und der Ex steht auf dem Regal."

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