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Ein neues Wahrzeichen für Hamburg: Die Elbphilharmonie – hier aufgenommen an einem kalten, klaren Wintertag im Februar 2016 – besticht durch spektakuläre Architektur.

Neues Wahrzeichen besticht durch spektakuläre Architektur

Die Elbphilharmonie - das Wunder am Hamburger Wasser

All der Ärger, sämtliche Verschiebungen, der unvorstellbare Anstieg öffentlicher Zuschüsse von 77 auf 789 Mio. Euro – man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass diese desaströse Baugeschichte der Elbphilharmonie bald beinahe ganz vergessen sein wird.

Die Fertigstellung hatte sich so oft verzögert, dass der HSV seit Baubeginn vor fast zehn Jahren 15 Trainer verschlissen hat.

Jetzt aber, kurz vor der Eröffnung des neuen Hamburger Wahrzeichens, zeichnet sich ab, was die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron mit ihrer „gläsernen Welle“ auf den von drei Seiten von der Elbe umgebenen, 1963 bis ’66 erbauten Kaispeicher an der Spitze der Hafencity gesetzt haben: Vom „Jahrhundertbau“, „Ausnahmebauwerk“ und „Architekturwunder“ ist die Rede.

TV-Tipps & Livestream

Der NDR überträgt am Mittwoch, 11.1., im TV (ab 18 Uhr), Radio und auf NDR.de - der Live-Stream ist auch in diesem Artikel eingebunden:

 

Konzertbeginn ist 20.15 Uhr.

Das Erste zeigt ab 22.45 Uhr die Langzeit-Doku „Die Elbphilharmonie - Konzerthaus der Superlative“. Auf Arte läuft am 15.1., 16.50 Uhr, eine Doku zu Hamburgs neuem Wahrzeichen. Wiederholungen des Eröffnungskonzerts: Arte, 15.1. 17.40 Uhr; 3Sat, 21.1., 20.15 Uhr.

Ein Haus für insgesamt 865 Millionen

Das Innere der Elbphilharmonie – sie vereint Konzertsäle, Parken, Wohnen und Hotel. Hier optimiert für mobile Endgeräte.

Konzerte fast komplett ausverkauft

Vieles an der Elbphilharmonie ist einzigartig – von der Fassade, die je nach Lichteinfall wie ein riesiger Kristall immer wieder anders erscheint, über die geschwungene 82-Meter-Rolltreppe bis zu den terrassenförmigen Publikumsrängen im Großen Saal. Wie in der Berliner Philharmonie, nur noch viel höher und steiler. Als Konzerthaus soll sich die Elbphilharmonie messen mit dem berühmten Scharoun-Bau, der Carnegie Hall New York, dem Concertgebouw Amsterdam oder dem Wiener Musikverein.

Die Neugier ist immens. So gut wie alle Konzerte der ersten Spielzeit, bei denen sich die berühmtesten Orchester der Welt und Stars wie Jazz-Pianist Brad Mehldau, Cellist Yo-Yo Ma, die Einstürzenden Neubauten und Solisten wie Jonas Kaufmann, Cecilia Bartoli, Bryn Terfel und Philippe Jaroussky angekündigt haben, sind ausverkauft.

„So toll, wie wir es uns in unseren schönsten Träumen nicht haben ausmalen können.“

Chefdirigent Thomas Hengelbrock

Musiker, die in der Elbphilharmonie spielen durften, schwärmen vom warmen Klang. Chefdirigent Thomas Hengelbrock erzählt, die Musiker seines NDR Elbphilharmonie Orchesters hätten Tränen in den Augen gehabt, als sie erstmals im Saal probten: Er sei so toll geworden, „wie wir es uns in unseren schönsten Träumen nicht haben ausmalen können“. Hengelbrock wird bei den Eröffnungskonzerten am 11. und 12. Januar eine musikalische Zeitreise von der Renaissance bis zur Gegenwart dirigieren, mit Werken von Cavalieri und Praetorius bis zur Uraufführung von Wolfgang Rihm. 200 000 Menschen haben sich für 1000 Freikarten beworben.

Tatsächlich soll die „Elphi“ Programm für jedermann bieten. Die Preise sind moderat – Karten sind ab 10 Euro erhältlich. Die „Konzerte für Hamburg“ mit 60.000 Karten ab 6 Euro am frühen Abend dauern nur eine Stunde – ohne Dresscode. Musikvermittlung für Kinder, die Klang-Collagen erstellen und Instrumente ausprobieren, wird ein wichtiges Standbein sein. Alle 9000 Tickets fürs erste Schulprogramm (Kosten 5 Euro samt Fahrkarte) sind vergeben.

Bürgermeister Olaf Scholz hatte vor Jahren versprochen, jedes Kind in Hamburg solle einmal in seiner Schulzeit die Elbphilharmonie besuchen.

Plaza

Die öffentlich zugängliche Aussichtsplattform ist gewissermaßen die Fuge zwischen dem alten Kaispeicher und dem Neubau. Auf 37 Metern Höhe öffnet sich ein Panoramablick auf Hafen und Stadt. Ein Außenrundgang führt einmal um das Gebäude. Bis zu 1200 Besucher gleichzeitig dürfen sich auf der Plaza aufhalten. Der Besuch wird über Tickets geregelt.

Dach

Das Dach des Konzerthauses setzt sich aus acht konkav gekrümmten Flächen zusammen, auf der 6000 schimmernde Pailletten montiert wurden. 1000 Tonnen wiegt allein die Dachkonstruktion mit ihren geschwungenen Linien und Spitzen. Darunter verbirgt sich ein Stahlbau-Fachwerk, das den Großen Saal trägt.

Großer Konzertsaal

Wie auf Weinbergterrassen sind 2100 Plätze um die zentrale Bühne angeordnet. Kein Zuhörer sitzt weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Der Klangreflektor an der spitz nach oben zulaufenden Decke soll für herausragende, gleichmäßig verteilte Akustik sorgen und einen Teil der Licht- und Bühnentechnik aufnehmen. Auch ein Fernwerk mit vier Registern der Orgel ist im 100 Tonnen schweren Reflektor untergebracht.

Service

  • Die Elbphilharmonie liegt in Hamburg am Platz der Deutschen Einheit 1. 

Wichtige Etappen beim Bau der Elbphilharmonie – Kostenexplosion ums Zehnfache

Eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse vor der Eröffnung:

  • Oktober 2001: Architekt Alexander Gérard tritt an den Senat mit der Idee heran, eine Konzerthalle auf dem leeren Kaispeicher zu realisieren.
  • Juni 2003: Die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron präsentieren den ersten Entwurf: eine „Gläserne Welle“ auf dem alten Speicher.
  • Juli 2005: Die erste Machbarkeitsstudie geht von Gesamtkosten in Höhe von 186 Mio. Euro aus. Anteil der öffentlichen Hand: 77 Mio. Euro. Geplante Eröffnung 2010.
  • 2. April 2007: Grundsteinlegung.
  • November 2008: Kultursenatorin Karin von Welck räumt ein, dass sich die Kosten für den Steuerzahler auf 323 Millionen Euro erhöhen. Neuer Eröffnungstermin: Mai 2012.
  • 28. Mai 2010: Richtfest. Proteste bei den Feierlichkeiten.
  • Juli 2011: Der Baukonzern Hochtief kündigt erneut eine Verzögerung an. Neuer Übergabetermin: 15. April 2014.
  • November 2011: Stillstand auf der Baustelle: Hochtief stellt die Arbeiten am Dach wegen Sicherheitsbedenken ein.
Damals Lager für Kakao, Tee und Tabak: Der Kaispeicher 1967.
  • 14. April 2012: Der Senat legt einen Plan zum Weiterbau vor. Ultimatum an Hochtief, das Dach bis 31. Mai abzusenken.
  • 23. November 2012: Das Saaldach wird erfolgreich mit dem Gebäude verbunden.
  • 15. Dezember 2012: Bürgermeister Olaf Scholz verkündet, dass die Stadt die Elbphilharmonie mit Hochtief zu Ende bauen will. Dafür erhält der Baukonzern erneut 200 Mio. Euro, übernimmt aber auch sämtliche Risiken. Fertigstellungstermin: Oktober 2016.
  • Juni 2013: Scholz gibt bekannt, wie viel die Elbphilharmonie insgesamt - mit Hotel und Parkhaus - die Stadt kosten wird: 789 Mio. Euro, zehnmal so viel wie geplant.
  • April 2014: Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses: Eine unfertige Planung, Chaos auf der Baustelle und überforderte Politiker sind fürs Baudesaster verantwortlich.
  • 3. Februar 2016: Die „Weiße Haut“ im Großen Saal ist fertig.
  • 30. Juni 2016: Der Saal wird an die Stadt übergeben. Technischer Probebetrieb beginnt.
  • September 2016: Erste Geheimprobe des NDR Elbphilharmonie Orchesters.
  • 31. Oktober 2016: Hochtief übergibt das Gebäude an die Stadt. Auf der Fassade erscheint das Wort „FERTIG“.
  • 4. November 2016: Festakt. Plaza, Hotel und Gastronomie werden geöffnet.
  • 11. Januar 2017: Eröffnung.
Die Glasfassade reflektiert das Licht: Die Elbphilharmonie in der aufgehenden Sonne.

Das Programm

Intendant Christoph Lieben-Seutter kündigt an, das Programm der Elbphilharmonie wolle „die Relevanz der klassischen Musik in unserer Gesellschaft nicht nur erhalten, sondern neu definieren“. Ihr Residenzorchester, das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung von Thomas Hengelbrock, wird bis zum Sommer 70 Konzerte spielen – 30 Prozent des Programms. Auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit Kent Nagano und die Hamburger Symphoniker mit Jeffrey Tate werden im neuen Konzertbau auftreten.

Viele weitere Orchester werden bis Juni gastieren: das Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti, die Wiener Philharmoniker mit Semyon Bychkov und Ingo Metzmacher, die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und die Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim. Gustavo Dudamel führt an fünf Konzertabenden in Folge sein Orquesta Sinfónica Simón Bolívar durch die neun Beethoven-Sinfonien.

Den ersten klassischen Klavierabend gibt die Britin Mitsuko Uchida, die auch die Flügel ausgesucht hat. Das erste Orgel-Konzert bestreitet die lettische Titularorganistin der Elbphilharmonie, Iveta Apkalna.

Die Elbphilharmonie in Zahlen

Besucher auf der Plaza.

3 Säle hat die Elbphilharmonie: Der Große Saal mit seiner Weinberg-Architektur fasst 2100 Plätze, der Kleine Saal für 550 Besucher soll als klassische „Schuhbox“ mit flexibler Bestuhlung für Kammermusik oder Liederabende dienen, das Kaistudio 1 ist für zeitgenössische und experimentelle Musik ausgelegt (170 Plätze).

11 Treppenhäuser und 29 Aufzugsanlagen hat die Elbphilharmonie.

44 Eigentumswohnungen auf der Westseite wurden vermarktet. Besonders markant sind die Fenster in ihren Loggien.

82 Meter lang ist die Rolltreppe („Tube“), die Gäste bis zur Plaza bringt, der Schnittstelle zwischen Sockel und gläsernem Aufbau. Die Fahrt durch den mit Glaspailletten verzierten Tunnel dauert zweieinhalb Minuten. Nach Angaben der finnischen Firma Kone ist es die „längste Rolltreppe Westeuropas und die weltweit einzige, die einen Bogen beschreibt“. Wenn man sie betritt, kann man ihr Ziel noch nicht erkennen.

„Tube“: Konvexe Rolltreppe.

110 Meter misst das Konzerthaus – fast so hoch wie der Michel (132 Meter). Die Ausmaße: Länge Nordseite 108,60 Meter, Ostseite 85,10, Westseite 21,60, Südseite 125,90 Meter.

244 Zimmer hat das bereits Anfang November eröffnete Hotel Westin. Bodentiefe Panoramafenster bieten fantastische Ausblicke. Die Preise liegen zwischen 220 Euro im Standardzimmer bis zu 1100 Euro für eine Maisonette-Suite über zwei Ebenen.

362 sogenannte Stahlfederpakete, auf denen der Große Saal ruht, sorgen dafür, dass dieser vom restlichen Gebäude komplett entkoppelt ist – aus Schallschutzgründen: Schließlich soll man im Konzert nicht das Tuten der Elbschiffe hören.

500 Stellplätze hat das Parkhaus.

1096 Glaselemente für die Fassade wurden bei 600 Grad auf den Millimeter genau gebogen und zum Schutz gegen die Sonne mit einem Raster aus basaltgrauen, reflektierenden Punkten individuell bedruckt. Jedes Element ist vier bis fünf Meter breit und drei bis fünf hoch, wiegt bis zu 1,2 Tonnen und hält im Stresstest Orkanböen und sintflutartigen Regen aus.

1745 Gründungspfähle, darunter 634 neue Stahlbetonpfähle zu den bestehenden 1111 des ursprünglichen Kaispeichers – darauf ruht das Gebäude.

„Wozu brauchen wir Beethovens Neunte?“

Christoph von Dohnányi, bis 2011 Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters auf die Frage, wozu man die Elbphilharmonie brauche

4000 Quadratmeter groß ist die Plaza, die einen 360-Grad-Panoramablick ermöglicht. Das ist fast so groß wie der Hamburger Rathausmarkt.

4765 Pfeifen hat die 15 x 15 Meter große Orgel – die kürzeste aus Zinn misst elf Millimeter, die größte aus Holz zehn Meter.

10.000 millimetergenau und individuell gefräste Gipsfaserplatten streuen den Schall gezielt in alle Winkel des Großen Saals. Jede Platte wiegt 30 bis 125 Kilogramm – insgesamt macht das 400 Tonnen. Diese „Weiße Haut“ ist eine Erfindung des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota.

Akustiker Yasuhisa Toyota mit der „Weißen Haut“.

120.000 Quadratmeter ist die gesamte Bruttogeschossfläche groß: so viel wie 17 Fußballfelder oder zwei Drittel der Alster. Der Speicher hat 58.000, der Neubau 62.000 Quadratmeter.

200.000 Tonnen beträgt das Gesamtgewicht der Elbphilharmonie. Das entspricht 416.666 Konzertflügeln, 722 Airbus A 380 oder zweieinhalb Mal dem Kreuzfahrtschiff Queen Mary.

865.650.000 Euro hat die Elbphilharmonie gekostet. Abzüglich von Spenden (57,5 Mio. Euro) und 19,1 Mio Euro Eigentumsanteil der Wohnungskäufer bleiben als Kosten für die Steuerzahler 789,05 Mio. Euro.

Durch unterschiedlich beleuchtete Fenster ist auf einer Fassade der Elbphilharmonie am 31.10.2016 in Hamburg das Wort "Fertig" zu lesen - rund neuneinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung.

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