+
Das zweite Pflegestärkungsgesetz soll das Leistungsangebot für Pflegebedürftige und Pflegende ausbauen.

Fragen und Antworten zur zweiten Stufe der Pflegereform

Die Pflege geht uns alle an - das ändert sich 2017

Zum Jahresanfang 2017 tritt die zweite Stufe der Pflegereform in Kraft. Statt drei Pflegestufen wie bisher gibt es künftig fünf Pflegegrade. Von der Reform profitieren vor allem Demenzkranke, da geistige Einschränkungen stärker als bisher bei den Leistungen berücksichtigt werden.

Die Bundesregierung steht bei den Bürgern im Wort: Bei der Umstellung auf ein neues Leistungssystem nach Pflegegraden wird niemand schlechter gestellt. So hat es Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe den heute 2,8 Millionen Pflegebedürftigen versprochen. Es geht nun nicht mehr darum, wie viele Minuten eine Pflegeleistung dauert, sondern darum, wie eingeschränkt die Selbstständigkeit eines Menschen ist: Wie kommt er im Alltag zurecht, kann er noch kommunizieren, wie mobil ist er?

Was ändert sich für Pflegebedürftige zum 1. Januar?

Die bisherigen drei Pflegestufen werden automatisch - also ohne neuen Antrag der heute schon Pflegebedürftigen - übergeleitet in fünf Pflegegrade. So soll künftig genauer bestimmt werden, welche Unterstützung ein Betroffener braucht.

Was heißt das für die Überleitung in Pflegegrade?

Pflegebedürftige mit körperlichen Einschränkungen erhalten anstelle der bisherigen Pflegestufe den nächst höheren Pflegegrad, also beispielsweise statt Pflegestufe 1 künftig Pflegegrad 2. Das heißt auch, dass sie mehr Pflegegeld Geld bekommen, bei unserem Beispiel statt bislang 244 Euro monatlich 316 Euro. 

Pflegebedürftige mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz wie Demenzerkrankte werden zwei Pflegegrade höher eingestuft. Bisher spielte vor allem die körperliche Einschränkung eine Rolle. Viele Demenzkranke sind jedoch körperlich noch relativ fit, brauchen aber dennoch Hilfe. Das wird nun stärker berücksichtigt.

Was ist mit denen, die 2017 erstmals einen Antrag auf Pflegeleistungen stellen?

Sie werden nach dem neuen System begutachtet. Danach können auch Menschen, die bislang keinen Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung hatten, weil sie nur wenig ambulante Unterstützung brauchen, Geld bekommen. Sie bekommen Pflegegrad 1 und können sich bis zu 125 Euro im Monat erstatten lassen. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) rechnet damit, dass rund 200.000 Menschen zusätzlich erstmals Leistungen erhalten.

Wie sieht es bei der Pflege in Heimen aus?

Heute zahlt die Pflegekasse für einen Pflegebedürftigen der Stufe 1 mit körperlichen Einschränkungen im Heim monatlich 1064 Euro. Ab 2017 sind das nur noch 770 Euro. Zusätzlich tragen Heimbewohner einen Eigenanteil an den Pflegekosten. Für die Menschen, die schon nach dem alten System Leistungen erhalten, wird im neuen Jahr die Differenz zwischen 770 und 1064 Euro, also 294 Euro, von der Pflegekasse getragen. Der Eigenanteil des Pflegebedürftigen bleibt also gleich. Für Neuanträge 2017 gilt das nicht mehr. Dahinter steht auch die Absicht, dass Pflegebedürftige so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld bleiben und ambulante Hilfen in Anspruch nehmen sollen.

Heimbewohner tragen künftig einen Eigenanteil an den Pflegekosten.

Und wie ist es bei Pflegestufe 2?

Die Leistungen der Pflegekasse bei körperlichen Einschränkungen sinken bei vollstationärer Pflege auch bei den Betroffenen in der bisherigen Stufe 2. Bisher zahlt die Kasse 1330 Euro. In Pflegegrad 3 sind es von 2017 an 1262 Euro, also 68 Euro weniger. Auch hier zahlt die Kasse die Differenz bei denen, die schon Leistungen beziehen.

Und bei höheren Pflegegraden?

In Heimen wird ab Januar in jeder Einrichtung ein einheitlicher Eigenbetrag ab Pflegegrad 2 eingeführt. Erhöht sich die Hilfebedürftigkeit und führt zu einem höheren Pflegegrad, wird der Eigenanteil nicht mehr erhöht.

Was ändert sich für pflegende Angehörige durch die Reform?

Aus der Pflegeversicherung werden für deutlich mehr pflegende Angehörige Rentenbeiträge entrichtet. Dafür müssen Voraussetzungen erfüllt sein: Der Pflegebedürftige hat mindestens den Pflegegrad zwei und die Pflegeperson wendet wenigstens zehn Stunden in der Woche für Pflege auf. Die zehn Stunden müssen außerdem auf mindestens zwei Tage verteilt sein. Die Pflegeperson ist nicht mehr als 30 Stunden in der Woche erwerbstätig.

Für deutlich mehr pflegende Angehörige werden ab 2017 Rentenbeiträge entrichtet.

Gibt es weitere Änderungen?

Ja. Pflegende, die nicht erwerbstätig sind, werden in der Arbeitslosenversicherung versichert. So können sie nach Beendigung der Pflege Arbeitslosengeld und Leistungen der Arbeitsförderung beantragen

Wie wird das Ganze finanziert?

Die Beiträge werden zum 1. Januar 2017 steigen - von 2,35 auf 2,55 Prozent des Bruttogehaltes. Kinderlose zahlen künftig 2,80 Prozent. Laut Gesundheitsminister Hermann Gröhe stehen damit pro Jahr fünf Milliarden Euro zusätzlich aus der Pflegeversicherung zur Verfügung.

Hintergrund: Pflegestärkungsgesetze

  • Mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz 2015 wurden die Leistungsbeträge der Pflegeversicherung angehoben, etwa durch zusätzliche Mittel für häusliche Pflege oder auch für Umbaumaßnahmen wie den Einbau barrierefreier Duschen. Auch die Leistungen für pflegende Angehörige, beispielsweise im Falle einer notwendigen Vertretung, wurden ausgebaut.
  • Das zweite Pflegestärkungsgesetz soll das Leistungsangebot für Pflegebedürftige und Pflegende ausbauen. Kernpunkt ist ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, er soll Demenzkranken Anspruch auf die gleichen Leistungen einräumen wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Damit verbunden ist ein neues Begutachtungsverfahren. Zugleich soll mit der Ausweitung von drei auf fünf Pflegegrade dem Pflegebedarf eines jeden Einzelnen präziser Rechnung getragen werden.
  • Mit beiden Reformen ist eine Erhöhung des Beitrags zur Pflegeversicherung verbunden. Zunächst stieg er von 2,05 Prozent auf 2,35 Prozent. 2017 steigt er um weitere 0,2 Punkte auf 2,55 Prozent. Beides bringt zusammen gut sechs Milliarden Euro. Davon sollen die Leistungsausweitungen finanziert werden.
  • Das dritte Pflegestärkungsgesetz sieht vor, vor allem die Einrichtung von Pflegestützpunkten in den Kommunen zu fördern. Damit sollen Betroffene Auskunft und Beratung aus einer Hand erhalten. In der Region gibt es solche Stützpunkte bereits (siehe unten). Neu ist auch, dass Angebote zur Unterstützung und Entlastung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen im Alltag von der Pflegeversicherung mit bis zu 25 Millionen Euro gefördert werden. Voraussetzung: Länder oder Kommunen müssen den gleichen Förderbetrag aufbringen.
Mit der Ausweitung von drei auf fünf Pflegegrade soll dem Pflegebedarf eines jeden Einzelnen präziser Rechnung getragen werden.

Service: Pflegestützpunkte in der Region

Stadt Kassel: Obere Königsstraße 8 (Rathaus), 34112 Kassel Tel: 0561 787-5630, E-Mail: pflegestuetzpunkt@kassel.de

Landkreis Kassel: Südflügel des Kulturbahnhofs Kassel, Rainer-Dierichs-Platz 1, 34117 Kassel, Telefon: 0561 1003-1371 /-1399, E-Mail: pflegestuetzpunkt@kassel.de

Landkreis Hersfeld-Rotenburg: Klaustor 3, 36251 Bad Hersfeld, Telefon: 06621 873707 und 873709, E-Mail: pflegestuetzpunkt@hef-rof.de

Werra-Meissner-Kreis: Landratsamt Südflügel Raum 13b + 14, Schlossplatz 1, 37269 Eschwege, Tel: 05651 302-1435 /-1436, E-Mail: pflegestuetzpunkt@werra-meissner-kreis.de

Landkreis Waldeck-Frankenberg: Am Kniep 50, 34497 Korbach, Telefon: 05631 954-881 oder -882, E-Mail: pflegestuetzpunkt@landkreis -waldeck-frankenberg.de

Schwalm-Eder-Kreis: Parkstraße 6, 34576 Homberg 05681 775-249 - 250, E-Mail: info@pflegestuetzpunkt-schwalm-eder.de

Göttingen: Kreishaus, Zimmer 051/052, Reinhäuser Landstr. 4 37083 Göttingen, Tel: 0551 525-909 / -908, E-Mail: pflegestuetzpunkt@landkreisgoettingen.de

Hann. Münden: Außenstelle Göttingen, Am Plan 2, 34246 Hann. Münden im Haus der Sozialen Dienste

Northeim: Medenheimer Str. 6/8, 37154 Northeim 05551 708-124

Uslar: KVHS-Haus, Zimmer 4, Gerhard-Hauptmann-Str. 10, 37170 Uslar, Telefon: 0173 8605005

Weitere Informationen zum Thema Pflege:

Der "Pflegekritiker" Klaus Fusseck war 2015 zu Gast im ARD-Mittagsmagazin. Seine Einschätzungen zu der neuen Pflegereform im Video:

Mehr zum Thema

Autor

Newsletter abonnieren

Newsletter abonnieren Täglich gibt es auf Sieben besondere Geschichten aus der Region und der Welt: Exklusive Porträts, Interviews, Texte, Bilder und Videos, aber auch Gastbeiträge angesagter Blogger und Kolumnen unserer Redakteure.

Sieben ist mehr für dich. Verpasse deshalb kein Thema mehr und abonniere den Sieben-Newsletter. Hier abonnieren: HNA Sieben per Mail, einmal die Woche.
Hinweise zum Kommentieren:
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Mehr zur Netiquette.

Weitere Artikel aus dem Ressort

And the Oscar goes to: Was uns bei der Preisverleihung erwartet

Die Stars sind im Oscar-Endspurt. Doch: Wer sind die Favoriten für einen der heiß begehrten Preise und wie stehen die deutschen Chancen? Außerdem kannst du in unserem Quiz testen, welchen der nominierten „Besten Filme“ du dir auf jeden Fall ansehen solltest.
And the Oscar goes to: Was uns bei der Preisverleihung erwartet

Bezahlt für nichts und wieder nichts: So tappt ihr nicht in die Fake-App-Falle

Längst nicht alle Apps halten, was sie versprechen. Neben den richtigen Anwendungen gibt es auch Imitate, die noch dazu echtes Geld kosten. Woran man eine Fake-App erkennt und was man tun kann, um sein Geld zurückzubekommen. 
Bezahlt für nichts und wieder nichts: So tappt ihr nicht in die Fake-App-Falle

Zwei Welten, zwei Flügel: Der Klavierspieler aus Jarmuk spielt in Kassel

Die Bilder von Aeham Ahmad am Klavier inmitten von Trümmern in der syrischen Hauptstadt gingen um die Welt. Nun kommt der Klavierspieler aus Jarmuk nach Kassel, um gemeinsam mit dem Jazzmusiker Edgar Knecht für den Frieden zu spielen.
Zwei Welten, zwei Flügel: Der Klavierspieler aus Jarmuk spielt in Kassel