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Welcome 2017: Am Brandenburger Tor in Berlin wurde ausgiebig gefeiert.

Hauptstadtkolumnistin berichtet vom Jahreswechsel

Silvester in Berlin: "Schon das nackte Überleben ist ein Erfolg"

Böller, Alkohol, Dragqueens und ein Taxi-Fahrer voller Vorurteile: Nach dem Terror-Anschlag in Berlin hat sich unsere Kolumnistin Saskia Trebing bewusst für den Jahreswechsel in der Bundeshauptstadt entschieden. Was sie erlebt hat:

Der Jahreswechsel in Berlin ist oft mit Fluchtplänen verbunden. Und du? Ein Haus in Brandenburg? Ein Campingbus an der Ostsee? Wer einmal in der Silvesternacht in kilometerlangen Clubschlangen stand oder auf dem Heimweg panisch Böller aus der Kapuze fischen musste, ist von Hauptstadt-Partyambition meist geheilt. „31.12.2016: schon das nackte Überleben ist ein Erfolg“, postete ein Freund aus Neukölln und schlug schusssichere Westen aus Raclette-Käse vor.

Nach einigen Jahren der eigenen Berlin-Vermeidung (meine prägendste Erinnerung besteht aus Todesangst zwischen Chinaknallern und nicht mehr ganz zurechnungsfähigen Menschen auf einem völlig vereisten Schrägdach in 30 Meter Höhe) hatte ich in diesem Jahr tatsächlich wieder Hauptstadtbedürfnis. Ein Jahr, in dem alles extremer schien, in dem der gnadenlose Gegensatz zwischen der ultraliberal-selbstgefälligen Kulturblase und den martialischen AfD-Aufmärschen vor der eigenen Haustür nicht mehr wegzureden war, musste vielleicht genau hier mitten in den Widersprüchen und der Gleichzeitigkeit beendet werden.

Nach dem offiziell ersten Terroranschlag vom 19. Dezember wurde viel geschrieben über den „Berliner Geist“, über eine besonnene Reaktion einer besonderen Stadt. Es mag der medial geschürten Hysterie geschuldet sein oder der Feuerzangenbowle oder dem Wissen, dass aus dieser Nacht am besten eine Kolumne entstehen sollte, aber in diesem Jahr hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass die Silvesternacht viel von dem enthielt, was mich an der Stadt beschäftigt. Eine nicht repräsentative Beobachtung in sechs Szenen.

Knapp 2 Wochen nach dem Anschlag auf dem Breitscheidtplatz klingt die Stadt schon um 15 Uhr wie die Tonaufnahme aus einem Zweiten-Weltkriegs-Film. Der eigentlich klare Himmel ist böllerdunstig. Beim Einkaufen murmelt eine Frau, ob es denn nicht genug Explosionen auf der Welt gebe. Ein Herr stimmt zu und kauft ihr ein Paket Wunderkerzen „für ein bisschen Licht“. Im Späti neben dem Supermarkt hängt ein handgeschriebenes Schild mit der Aufforderung: „Steckt euch eure Böller in den Arsch.“ Am Zaun einer Flüchtlingsunterkunft hängt ein Zettel in fünf Sprachen: "Ein Feuerwerk am 31.12.2016 ab Mitternacht ist normal und ungefährlich, zur Begrüßung des neuen Jahres werden laute Knaller und bunte Feuerwerkskörper am Boden gezündet oder in den Himmel geschossen."

Party in der ganzen Stadt: In Berlin wurde 2017 ausgelassen begrüßt.

Auf dem Weg zur Silvestereinladung werden noch Blättchen zum Zigaretten-Drehen gebraucht. Im Kiosk steht ein durcheinander wirkender junger Mann und fragt immer wieder verschwommen nach Fotokopien. Die Verkäuferin tätschelt ihm die Schulter. „Kriegst du, kriegst du“, sagt sie. „Ich bin die ganze Nacht für dich da, wenn es sein muss.“ Sie deutet auf die Kunden, die aufs Bezahlen warten. „Wir alle.“

Eine Wohnzimmerparty in mittelgroßer Runde in Schöneberg. Ein Haus, in dem diskutiert wird, wie immer wieder offensichtlich menschliche Fäkalien in den abgeschlossenen Keller kommen. In dem einem im Treppenhaus spontan ein Schnaps und eine vorzeitige Silvesterumarmung angeboten werden. Um Mitternacht zieht es auch die Gäste der umliegenden Fetischbars auf die Straße. Zwei bärige Herren mit Polizeimützen und pofreien Lederhosen liegen sich wunderkerzenschwenkend in den Armen. Irgendwo plärrt sehr laut Madonna.

Im Badezimmer werden verschämt Frohes-Neues-Telefonate geführt, weil man auch um zwei Uhr in der Wohnung vor lauter Knallen sein eigenes Wort nicht versteht. Der beiläufige Nachrichten-Check liefert Terror in Istanbul und nie da gewesene Sicherheitskontrollen auf der Festmeile am Brandenburger Tor. 

Feiern unter Polizeischutz: Am Brandenburger Tor auf der Festmeile gab es in der Silvester-Nacht ein hohes Polizeiaufgebot. Rund 1500 Polizisten und 600 Ordner hatten nach Angaben der Veranstalter auf der Partymeile für Sicherheit gesorgt.

Ein Freund ist auf der Berghain-Gästeliste und schickt ein Foto von sich im bauchfreien Einhornkostüm. Draußen jagen sich über Stunden verschiedene Gruppen Jugendlicher mit Feuerwerkskörpern, ohne dass jemand eingreift. Zwei kleine Mädchen, höchstens vier oder fünf, werfen vor dem Haus lachend veritable Knaller nach anderen Kindern. Auf der sonst stark befahrenen Kleiststraße verkehrt nichts außer einzelnen gespenstisch leeren Bussen und verlassenen Zügen der Linie U2. Auf dem Balkon herrscht berauschter Konsens: Für einen solchen Blick auf die Stadt lohnt es sich, hier zu bleiben.

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Um sechs Uhr morgens sind die Taxis rar. Wir konkurrieren mit einer Gruppe Dragqueens, die uns auf ihren High Heels um zwei Köpfe überragen. „Nächstenliebe!“ deklariert eine der glitzernden Damen und lässt uns unter besten Wünschen den Vortritt. Wir lassen uns kichernd in die Sitze fallen, bis uns das Lachen im Hals stecken bleibt. „Ich hasse solche“, ätzt der Taxifahrer in mühsamem Deutsch. „Männer als Frau, ist nicht richtig.“ Wir stammeln etwas überfordert ein "naja" aber und schweigen den Rest der Fahrt. Am nächsten Mittag, die Diskussion um den Kölner Polizeieinsatz kommt langsam in Gang, bleiben vom Abend ein warmes Gefühl und ein schaler Nachgeschmack. Ich schicke den beiden Freunden aus dem Taxi eine SMS: „Wir hätten widersprechen müssen. Wir müssen mehr widersprechen.“

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