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Silvester-Drama in Dortmund erfunden: Wie Hetzer im Internet arbeiten

Silvester-Drama in Dortmund? Brennende Kirche? Von wegen. Eine dubiose E-Mail wollte unsere Politikredaktion mit der "Wahrheit" konfrontieren. Ein Lehrstück, wie Hetze im Internet funktioniert.

"Hallo an die Redaktion Politik“, so beginnt eine E-Mail, die unsere Nachrichtenredaktion neulich erreichte: „Warum interessiert sich niemand für die rassistischen Angriffe auf unsere Polizisten in Dortmund? Soll wieder mal etwas unter den Tisch gekehrt werden, damit die Stimmung im Volk einigermaßen stabil bleibt?! Möglicherweise müssen die Redakteure mal selbst aktiv werden und können nicht einfach wieder abschreiben.“

Dortmund? Was war in Dortmund? Eine erste Recherche im Internet lässt Böses vermuten, allerdings nicht aus Dortmund, sondern über Dortmund, und zwar auf Hetzportalen, die für Auslassungen, Übertreibungen und Stimmungsmache bekannt sind.

Hetze

So titelt etwa das US-amerikanische Magazin www.breitbart.com unter Berufung auf die Dortmunder Tageszeitung Ruhr Nachrichten: „Enthüllt: 1000-Mann-Mob greift Polizei an und setzt zu Silvester Deutschlands älteste Kirche in Brand“. Im Text heißt es über die angeblichen Täter: „Ein Mob von über 1000 Männern skandierte Allahu Akhbar“.

Auch das für seine Nähe zur rechten FPÖ bekannte österreichische Magazin www.wochenblick.at behauptet, die Dortmunder Feuerwehr habe einen Kirchenbrand löschen müssen. Ein Sprecher der Stadtverwaltung habe dies als eine „ganz normale Silvesternacht“ bezeichnet. Neben dem Artikel prangt neben einem formatfüllenden Feuerbild der Verweis auf einen Artikel mit dem Titel: „Vorsicht: Brandgefahr bei Weihnachtsbäumen.“

Fakten

Recherchiert man in Dortmund selbst, dann zeigt sich schnell, dass es keinen Kontrollverlust in der Stadt gab und ebenso keine massenhaften - oder gar organisierten - Ausschreitungen. Zu dem angeblichen Kirchenbrand sagt die Dortmunder Feuerwehr: „Durch eine Silvesterrakete kam es zu einem Brand des Gitterschutznetzes an der Reinoldikirche, welches jedoch schnell gelöscht werden konnte.“

Die Dortmunder Polizei dokumentiert das Geschehen der Silvesternacht in der Stadt detailliert. Auf Anfrage unserer Redaktion sagt Polizeisprecherin Nina Vogt, dass es in der Silvesternacht zwar fünf durch Böller leicht verletzte Kollegen gegeben habe. Dies sei aber für einen großen Silvestereinsatz völlig normal.

Auch bei der Bundespolizei in Dortmund, sie ist zuständig für den Bahnhofsbereich, gab es in der Silvesternacht keine Verletzten. Ein Sprecher der Bundespolizei verweist auf zwei Vorfälle an dem Tag. Demnach warf ein 18-jähriger Syrer Bundespolizisten einen Böller vor die Füße. Dem Mann wurden seine übrigen Knaller abgenommen.

Zuvor, am Nachmittag des 31. Dezember, war ein 32-Jähriger Obdachloser vor dem Bahnhof mit einer Silvesterrakete beschossen worden und hatte Verbrennungen erlitten. Wegen gefährlicher Körperverletzung wird nun ein „Südländer“ mittleren Alters gesucht.

Vor Ort war an diesem Abend der Lokalreporter der Ruhr Nachrichten, Peter Bandermann. Er berichtete über auffällig viele junge Männer aus nordafrikanischen Ländern und filmte eine Gruppe von Syrern, die anhand einer Flagge als Anhänger der freien syrischen Rebellen erkennbar sind. Sie bejubelten den frisch beschlossenen Waffenstillstand in ihrer Heimat. Dabei fielen vereinzelt auch Allahu-Akhbar-Rufe.

Methoden

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Kommentar zu Stimmungsmache im Netz: Trau, schau, wem

„Rassistische Übergriffe auf Polizisten“? „Unter den Tisch kehren“? „Nicht wieder abschreiben“? Die Behauptungen in der Mail an unsere Redaktion halten der Recherche nicht stand. Im Gegenteil: Die Mail zeigt, wie im Internet einfach irgendwas irgendwo von irgendwem behauptet und abgeschrieben werden kann. Und wie dann Kleines groß wird und Großes klein, wie Tatsachen verdreht, aufgebauscht oder schlicht erfunden werden. So funktioniert der Hassbetrieb im Internet. Jeder kann dort scheinbare Belege für alles finden - und erfinden. Und mit Hetze und menschenfeindlicher Stimmungsmache für öffentliche Verunsicherung sorgen.

Übrigens: Jeder Internetnutzer kann sich auch eine Email-Adresse zulegen und diese mit einem Fantasienamen benennen. Die Adresse, von der die Mail über die angeblichen Ausschreitungen in Dortmund an unsere Nachrichtenredaktion geschickt wurde, lautet vipera@gmx.de. Vipera ist der lateinische Name für Ottern. Alle Ottern, in Deutschland verbreitet ist die Kreuzotter (Vipera berus), sind Giftschlangen.

Die lesenswerten, gut recherchierten Berichte von Peter Bandermann über die Silvesternacht in Dortmund finden sich hier.

Die Dokumentation der Polizei

Die Dortmunder Polizei hat die polizeilichen Fakten zur Silvesternacht 2016/17 noch einmal zusammengestellt. Wir dokumentieren die Erklärung im Wortlaut:

„Während die Polizei an Silvester im Vorjahr 2015/16 im Stadtgebiet von Dortmund zu 421 Einsätzen gerufen wurde, waren zum Jahreswechsel 2016/17 insgesamt 185 Einsätze von der Polizei zu bewältigen.

Im gesamten Stadtgebiet von Dortmund wurden für den Tatzeitraum der Silvesternacht 18 Uhr bis um 6 Uhr morgens 43 (2015/16:52) Körperverletzungsdelikte angezeigt. Darüber hinaus wurden keine Gewalttaten wie zum Beispiel Tötungsdelikte oder Vergewaltigungen bekannt. Den meisten Fällen lagen persönliche Streitereien oder Schlägereien zu Grunde.

Die Vorjahreszahlen für den identischen Tatzeitraum stehen in einem Klammervermerk hinter den aktuellen Zahlen.

Raubstraftaten im Stadtgebiet Dortmund wurden 4-mal (6), Taschendiebstähle 11-mal (16) und 1-mal ein sogenanntes Antanzdelikt angezeigt. Sachbeschädigungen wurden stadtweit in 35 (42) Fällen angezeigt.

Bis zum 5. Januar wurde im gesamten Stadtgebiet kein Fall von sexuellen Übergriffen im öffentlichen Raum angezeigt.

Im Rahmen einer Menschenansammlung von rund 1000 Personen am Platz von Leeds kam es zum Teil zu unsachgemäßem Einsatz von Silvesterfeuerwerk, was von eingesetzten Polizeibeamten der Bereitschaftspolizei, die im dortigen Zusammenhang noch einmal verstärkt wurde, durch konsequentes Einschreiten unterbunden wurde.

Nach Einschätzung des eingesetzten Polizeieinsatzleiters war dies für eine Silvesternacht in Dortmund ein eher durchschnittlicher bis ruhiger Verlauf. Dazu haben die starke polizeiliche Präsenz und das konsequente Vorgehen der Polizei nicht unerheblich beigetragen. "Herausragende oder spektakuläre Silvestersachverhalte wurden bis zum heutigen Tage nicht gemeldet.“

Rubriklistenbild: © dpa

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