Sie waren ein "generationsprägendes Ereignis": Die Merkhefte des Versandhändlers Zweitausendeins.

Versandhaus war Hauslieferant für die Anhänger der Gegenkultur

Letzter Zweitausendeins-Laden schließt: Das Ende einer Kultur-Ära

Das Kulturkaufhaus Zweitausendeins prägte eine ganze Generation und nahm die Zukunft vorweg. Nun schließt der letzte Laden in Frankfurt. Obwohl es online weitergeht, sind nicht nur Fans traurig.

Lutz Engelhardt wurde in diesen Tagen etwas wehmütig, nachdem ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte zu Ende gegangen war. Der Organisator des Kasseler Kulturzelts hörte, dass bald auch der letzte Zweitausendeins-Laden schließt. Engelhardt erinnerte sich noch einmal, wie er früher große Buch- und CD-Pakete bei dem Versandhaus bestellt und sich Monat für Monat auf den neuen Katalog gefreut hatte. "Das lustvolle, überhastete Blättern, wenn ein neues Merkheft eintraf, vorbei, vorbei", notierte Engelhardt auf seiner Facebook-Seite.

Lutz Engelhardt

Ganz so weit ist es noch nicht. Das Merkheft, früher eine Bibel für linke Literatur- und Pop-Fans mit 200 eng bedruckten Mini-Seiten, die dünner waren als Butterbrotpapier, wird es weiterhin geben. Und Zweitausendeins wird ebenfalls weiterhin existieren - als quasi reines Online-Unternehmen. Und trotzdem endet am 31. März, wenn der Laden am Frankfurter Kornmarkt schließt, eine Ära.

Mitte der 90er-Jahre betrieb Zweitausendeins 14 Geschäfte und hatte mehr als 200 Mitarbeiter. Wenn man damals aus der Provinz nach Frankfurt, Berlin, Hamburg oder Freiburg reiste und sich für Musik oder Literatur interessierte, besuchte man mit ziemlicher Sicherheit einen der Läden. Dort gab es fast alles - von der Gesamtausgabe des Philosophen Theodor W. Adorno über die komplette CD-Liste der Rolling Stones bis zu Aufnahmen mit den Gesängen von Buckelwalen und Bücher über Homöopathie für Hunde.

Zweitausendeins war der Hauslieferant für die Anhänger der Gegenkultur, die später zum Mainstream wurde. Hier konnte man sich bereits über vegetarische Ernährung informieren, als die Hipster-Veganer aus dem Berlin-Mitte von heute noch Hipp-Babybrei löffelten.

Ein bisschen war zweitausendeins, als würde Aldi einen Ökoladen betreiben und hochwertige Produkte in Ikea-Regalen verhökern - stilvoll, gut und billig. Das Merkheft, in dem alle Produkte verzeichnet waren, war für den Schriftsteller Matthias Politycki "unser generationsprägendes Ereignis". Wie komisch, dass nie jemand die Generation Zweitausendeins ausrief.

Sie wäre ein Erbe der 68er gewesen. Lutz Reinecke, ein Buchhändler, der beim renommierten Suhrkampf-Verlag gelernt hatte und nach seiner Heirat Kroth hieß, sowie der für Finanzen zuständige Walter Treumann gründeten das Kulturversandhaus 1969 in Frankfurt. Als Namen wählten sie den Titel von Stynley Kubricks wegweisendem Science-Fiction-Film "2001 - Odyssee im Weltraum", den sie ein Jahr zuvor im Kino bewundert hatten.

Ihr Laden nahm ebenfalls die Zukunft vorweg. So übersetzten Zweitausendeins-Mitarbeiter 1980 die von US-Präsident Jimmy Carter in Auftrag gegebene Umweltstudie "Global 2000" ins Deutsche. Sie wurde ein Erfolg und beschrieb die Grundlagen einer grünen Republik. Die im Buch skizzierten Klimaveränderungen sind heute immer noch das größte Problem der Menschheit. Der Name Zweitausendeins jedoch klingt nicht mehr nach Zukunft, sondern nach einem Vorgestern, in dem es weder Amazon noch Spotify und Netflix gab.

Auch Kinowelt-Gründer Michael Kölmel, dem das Unternehmen seit 2006 gehört, konnte den Niedergang nicht aufhalten. Lieferanten beschweren sich, dass die Zusammenarbeit "eine Qual" sei. Nach dem Aus für den Frankfurter Laden und ein bereits Ende Dezember in Mannheim geschlossenes Geschäft wird es bundesweit zwar noch 17 Shop-in-Shops geben, aber viele Stammkunden von einst haben ihr Zweitausendeins innerlich längst begraben.

Dazu passt im aktuellen Merkheft die Zeile, mit der die Platten des gerade gestorbenen Leonard Cohen beworben werden: "Sag zum Abschied leise Hallelujah." Hoffnung macht lediglich Bob Dylan, der nach der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis für die Merkheft-Redaktion "jetzt noch unsterblicher" ist. Vielleicht gilt das auch für Zweitausendeins.

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