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Wenn selbst bei den Kleinsten die Laune umschlägt: Die Geräusche moderner Heizungsanlagen können für gereizte Stimmung sorgen.

Zündstoff Wärmepumpe und Co.

Wie moderne Heizungsanlagen für Unfrieden unter Nachbarn sorgen können 

Wuchernde Hecken, Bauen bis an den Gartenzaun, Rasenmäherkrach zum Mittagsschlaf – zu altbekannten Streitthemen unter Nachbarn kommen mit technischem Fortschritt neue hinzu.

Dauer-Brummtöne von Wärmepumpen, Lüftungs- und Klimageräten etwa oder Anlagen zur dezentralen Energieerzeugung wie Mini-Blockheizkraftwerken können echt nerven.

Kann zum Problem im eigenen Keller werden: Die Wärmepumpe.

Längst stehen die auch in Einfamilien- und Reihenhausstraßen. Das Umweltbundesamt (UBA) warnt: „Es wird voraussichtlich in vielen Wohnumfeldern zunehmend brummen.“ Zwei bis drei Anfragen pro Woche zählt Christian Fabris vom UBA schon jetzt. Hinzu kämen Beschwerden bei Landes- und Kommunalbehörden. Es meldeten sich sogar Hausbesitzer, die sich von Geräuschen ihrer eigenen Wärmepumpe gestört fühlten.

Mit einem Forschungsprojekt dem Brummen auf der Spur

Der Lärm aus Ärztesicht

„Es gibt viele Menschen, die über Beschwerden durch Infraschall (Schall in einer Frequenz unter 16 bis 20 Hertz, unterhalb der menschlichen Hörschwelle, Red.) berichten und auch erkranken. Es werden immer mehr.“

 „Derzeit benutzte Messtechnik, Auswertungsverfahren und Schallprognosen sind als Schutz für Infraschallwirkung auf Menschen ungeeignet.“

 „Es gibt keine Studien, die die Unbedenklichkeit von langfristiger Einwirkung tieffrequenten Schalls unterhalb der Hörschwelle beweist.“ 

Dr. Thomas Carl Stiller (Uslar), Mitglied von Aefis (Ärzte für Immisionsschutz), einer Arbeitsgruppe umweltmedizinisch interessierter Ärzte in Südniedersachsen, beim Symposium des UBA in Berlin. www.aefis.de

Wer je sein Hotelzimmer wechseln musste, weil Dauerbrummen der Klimaanlage oder vom Küchenkühlhaus
jede Aussicht auf Schlaf raubte, weiß, was da an Konfliktstoff in Neubaugebieten schwelt. Das Umweltbundesamt geht dem Problem „Tieffrequente Geräusche in der Umgebung von Wohnbebauung“ mit einem Forschungsprojekt auf den Grund.
Vergangene Woche wurden Zwischenergebnisse in Berlin vorgestellt: „Die gesetzlichen Lärmrichtwerte werden in den meisten Fällen eingehalten“, hieß es dort mit Blick zur Technik. Zudem: Nicht alles brummt oder vibriert, nicht jeder spürt oder hört, was andere stört.
Allerdings, so das UBA weiter: „Besonders in ruhigen Zonen wie Wohngebieten können tieffrequente Geräusche bereits auf sehr geringem Niveau wahrgenommen werden. Betroffene empfinden diese häufig als sehr belästigend“, teilweise würden sie sogar als krankmachend beschrieben. Und als bedrohlich.
Ausweichen kann man dem Brummen oder Vibrieren kaum, es nervt oft im ganzen Haus. „Technisch lassen sich tieffrequente Geräusche nachträglich nur teuer mindern, durch einen anderen Standort oder komplizierte Einhausungen“, heißt es vom UBA. Schallschutzfenster helfen gegen normalen Lärm, gegen Brummen seien sie aber meist nutzlos.
Ungenügender Abstand zum Nachbargarten, falsche Geräte am falschen Standort: Brummende Haustechnik beschäftigt längst Gerichte. Internetforen sowieso: Die diskutieren seit bald 20 Jahren, jener Zeit, als fürs Brummen noch nicht mal Quellen zu finden waren.

Der Brummton: Die mysteriöse Plage in Süddeutschland

Um die Jahrtausendwende, als von Wärmepumpen nicht groß die Rede war, schaffte unerklärliches Brummen es bundesweit bis auf Titelseiten von Zeitungen. Baden-Württembergs Landesanstalt für Umweltschutz (LfU) und die Uniklinik Tübingen wollten 2001 dem Phänomen auf die Schliche kommen. Ohne Erfolg - es brummt bis heute, vor allem in Süddeutschland. 

Aktuelle Fälle:

  • Steinhöring
Wo im oberbayerischen Steinhöring (Landkreis Ebersberg) der dumpfe Brummton herkommt, weiß bis heute kein Mensch. Mancher hörte Geräusche wie von einem Kühlschrankmotor, andere spürten Vibrationen wie beim Vorbeifahren eines Zuges, wieder andere hörten oder merkten gar nichts. 2014 wurde in drei Ortsteilen ein tieffrequenter Ton von 40 bis 50 Hertz gemessen. Quelle unklar - unter anderem stehen Öl-Pipelines unter Verdacht, die durch die Gemeinde laufen. „Meist findet sich leider keine Ursache“, zitierte Anfang März der Münchner Merkur das Landratsamt. Vermutet wird viel: Bewegungen der Erdkruste, Tunnelbohrungen und Störangriffe aus Radarstationen gelten als brummträchtig.
Spüren Lärmquellen auf: Die Brummton-Messgeräte der Landesanstalt für Umweltschutz 2001 in Stuttgart.

  • Region Stuttgart
In Leinfelden-Echterdingen brummt es auch, bis in die Landeshauptstadt Stuttgart hinein und drumherum: Laut Stuttgarter Nachrichten haben sich im Herbst 100 Betroffene zusammengetan. Sie klagen über Schlafstörungen, Angstgefühle, Nervosität, und haben das mysteriöse Geräuschonline gestellt. Besonders unter Beobachtung steht eine Gashochdruckstation. Messungen in sieben Wohnungen lieferten 2016 keine Erklärung. Betroffene kämpfen weiter um Aufklärung.

Die bisherigen Ergebnisse der Experten

Sieht keinen Bedarf für weitere Forschungen: Der Baden-Württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Die Grünen)

Messungen in Wohnungen (Geräusche, Magnetfelder, Erschütterungen) brachten sehr geringe Geräuschpegel, meist unter der durchschnittlichen Hörschwelle. Und: „Erschütterungen und Magnetfelder bewegten sich alle unterhalb rechtlicher Grenzwerte“, so das Fazit des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zur LfU-Arbeit. „Kein brauchbarer Hinweis auf eine Quelle des Geräuschs. Gemeinsame akustische Ursache kann ausgeschlossen werden.“ Medizinische Untersuchungen von Brummton-Opfern schlossen Tinnitus aus.
Weiteren Bedarf für zusätzliche Messungen sehe er nicht, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) 2016 auf eine Anfrage im Landtag zum anhaltenden Brummen im Südwesten.

Kein Verzicht auf moderne Wärmepumpen: Tipps gegen zu lautes Brummen

Effizient erzeugte Wärme und Ruhe: Laut Expertenmeinung ist das durchaus möglich.

Trotz vieler Klagen über die Geräuschentwicklungen moderner Heizungsanlagen, auf effektive Heizungstechnik braucht niemand zu verzichten. Gerade Wärmepumpen sind bei vielen Häuslebauern für eine kostengünstige Warmwasser- und Wohnungsaufheizung beliebt. 

Und das nicht ohne Grund. Denn sie nutzen dasselbe effiziente Grundprinzip wie Kühlschränke. Kühlschränke entziehen dem Kühlgut über den Verdampfer Wärme und geben sie über den Verflüssiger an der Rückseite des Gerätes in den Raum ab. Eine Wärmepumpe entzieht der Umgebung (Erdreich, Wasser, Luft) Wärme, hebt diese auf das Temperaturniveau einer Hausheizung an und gibt sie an ein Wärmeverteilsystem (etwa Fußbodenheizung) in Gebäuden wieder ab. Für den Temperaturhub benötigt die Wärmepumpe Strom oder Gas. Eine Wärmepumpe ist nach Einschätzung des Umweltbundesamtes (UBA) insbesondere dann effizient, wenn die aus der Umwelt entnommene Wärme deutlich größer ist als die zum Betrieb nötige Primärenergie. 

Damit die Wärmepumpe nicht zum Ruhestörer wird, rät das UBA beim Einbau auf Folgendes zu achten: 

Für innen aufgestellte Wärmepumpen hält das UBA Schallleistungspegel von 50 - 60 dB (A) unbedenklich. Eine Schallleistung ab 50 dB (A) außerhalb des Hauses kann aber für Nachbarn problematisch sein – vor allem in ruhigen Wohngegenden. Der Bundesverbandes Wärmepumpe rät:

  • Die Ausblasrichtung der Anlage zu beachten und ein direktes Anblasen von Wänden und schutzbedürftigen Räumen zu vermeiden.
  • Schallentkoppelung zum Gebäude sicherzustellen und eine Dämmhaube oder Schallschutzwand vorzusehen.

    Infos zum Forschungsprojekt, Umwelttipps zu Wärmepumpen und den Leitfaden „Tieffrequente Geräusche im Wohnumfeld“ gibt es unter www.uba.de, www.co2online.de und www.waermepumpe.de.

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