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"Sternenkinder sind nicht stark genug, um auf der Erde zu überleben": Engelsfigur auf einem Kindergrab in Hamburg.

"Nach außen funktionierte ich, aber wenn ich zu Hause die Tür zumachte, heulte ich nur noch."

Warum nimmt Gott uns unser Baby weg? Wie der Tod ihres Kindes eine Mutter verändert hat

Der Tod eines Kindes ist das Schlimmste, das Eltern passieren kann. Pfarrerin Vera Seebaß hat es durchgemacht. Der Verlust ihres ungeborenen Babys hat sie verändert - und doch auch gestärkt.

An dem Tag, an dem sich das Leben von Vera Sebaß für immer ändern sollte, war zunächst alles wie sonst. Die Pfarrerin aus dem Borkener Stadtteil Kleinenglis war im sechsten Monat schwanger und fuhr mit ihrer fünfjährigen Tochter zur Routine-Untersuchung zu ihrer Frauenärztin. Dort stellte die Medizinerin fest: Das Baby im Bauch der 39-Jährigen war tot. Bis dahin hatte es keinerlei Anzeichen gegeben, dass irgendetwas nicht stimmte.

Pfarrerin und vierfache Mutter: Vera Seebaß.

Der Tod eines Kindes ist das Schlimmste, das Eltern passieren kann. Seebaß jedoch musste sich in der Praxis erst einmal um ihre Tochter kümmern, die weinte und schrie: "Wie kann Gott uns unser Baby wegnehmen?" Das alles ist nun zehn Jahre her, aber wenn die Pfarrerin von dem Schicksalsschlag erzählt, hat sie immer noch Tränen in den Augen: "Danach ist alles komplett anders. Die Zukunft, die man sich für seine Familie vorgestellt hat, ist zerstört."

In unserer aufgeklärten Gesellschaft ist der Tod immer noch ein Tabuthema - gerade wenn es um Kinder geht. Wenn wir Betroffenen begegnen, schweigen wir, weil wir Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Dabei hilft Reden meistens. Drei Monate nach dem Verlust ihres Kindes hat Seebaß in der HNA-Kolumne "Das Wort zum Sonntag" ihr Leid öffentlich gemacht. Daraufhin kamen Frauen zu ihr und sagten: "Ich habe auch ein Kind verloren." Manche hielten sie einfach nur im Arm. Mit manchen Müttern weinte Seebaß.

Wenn die 49-Jährige ihre Geschichte heute noch einmal erzählt, leidet man mit ihr. Man lernt aber auch, dass das Leben weiter geht, so banal es klingen mag. Dabei war die Zeit nach der Kontrolluntersuchung damals "ganz schrecklich", wie Seebaß sagt. Eine Woche lang musste sie ihr totes Kind weiter im Bauch tragen. Dann wurden die Wehen eingeleitet. Die Ärzte im Fritzlarer Hospital hatten sie gewarnt: Der kleine Junge könnte schon verwest sein. Als Christian dann aber im Krankenhaus zwischen Seebaß und ihrem Mann lag, sah er einfach aus wie ein schlafendes Baby, nur noch kleiner. Ihr Mann, der ebenfalls Pfarrer ist, segnete das Kind. Für Vera Seebaß war das die "intensivste Gotteserfahrung" in ihrem Leben: "In dem Moment habe ich Gott gespürt."

Der Glaube half ihr auch im Alltag. Im Sommer 2007 steckte sie mit ihrer Gemeinde mitten in den Proben für die Aufführung eines Theaterstücks. Jedes zweite Jahr wird der Dorfkern zur Bühne. Seebaß machte weiter, als sei nichts passiert: "Nach außen funktionierte ich, aber wenn ich zu Hause die Tür zumachte, heulte ich nur noch."

Viele Beziehungen zerbrechen an so einem Verlust. Oft ist es so, dass sich die Frau zurückzieht, und der Mann nicht weiß, was er machen soll. Das Pfarrer-Ehepaar Seebaß hingegen hat das Leid noch mehr zusammengeschweißt. "Allein hätte ich das alles nicht durchgestanden", sagt die Tochter eines Dekans, die in Frankenberg aufwuchs. Sie fand Trost im Glauben, aber auch bei ihren anderen drei Kindern. Ihrer Tochter sagte sie, Christian sei ein Sternenkind, das nicht stark genug gewesen sei, um auf der Erde zu überleben. Gott habe es direkt zu sich genommen. Seebaß ist überzeugt: "Wenn ich einmal sterbe, nehme ich Christian in den Arm und werde die Zeit mit ihm nachholen."

Der Verlust hat die Seelsorgerin verändert. Sie weiß das Leben nun noch mehr zu schätzen. Sie wird noch wütender, wenn Zehntklässlerinnen im Religionsunterricht flapsig sagen, dass sie halt abtreiben, falls sie schwanger werden. Und sie hat noch ein viertes Kind bekommen. Zwar kann man einen Menschen nicht einfach ersetzen. Und es klingt hart, wenn man hört, wie trauernden Müttern noch in den 60er-Jahren, als es noch keine psychologische Betreuung gab, Sätze um die Ohren gehauen wurden wie: "Mädchen, du bist jung und wirst noch mehr Kinder kriegen." Für Seebaß war der dritte Sohn, den sie ein Jahr nach dem Tod Christians bekam, trotzdem wichtig: "Ich konnte nicht ertragen, dass der Tod am Ende steht. So hat das Leben gesiegt." Ihr jüngstes Familienmitglied haben Vera und Frieder Seebaß Micha-Benjamin genannt. Benjamin steht für "Sohn des Glücks".

Alle Artikel zu unserem Monatsthema "Lichtblicke" gibt es hier.

Christian wurde damals auf einem Friedhof in Marburg beerdigt, wo es einen besonderen Platz für Totgeburten gibt. Bis heute war Vera Seebaß nie wieder dort. "Ich drücke mich ein bisschen davor", sagt sie. Dafür hat sie zu Hause ein Bild des Grabes neben einer Engelfigur stehen. Und aus Christians Geschichte hat sie ein Buch für ihre Kinder gemacht. Gerade schreibt sie an einem weiteren Theaterstück, das sie nächsten Sommer mit ihrer Gemeinde aufführen will. Sie weiß noch nicht, ob es wirklich klappt. Das Stück heißt in Anlehnung an das Gleichnis aus der Bibel: "Der verlorene Sohn."

Vera Seebaß (49) lebt mit ihrem Mann und vier Kindern im Borkener Stadtteil Kleinenglis. Das Pfarrer-Ehepaar ist für Kleinenglis, Kerstenhausen und Arnsbach zuständig. Außerdem unterrichtet Vera Seebaß an der Jugenddorf-Christophorusschule Oberurff Religion.

Hilfe für Angehörige gibt es beim Bundesverband "Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister".

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