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Einsam und kraftlos: In der dunklen Jahreszeit leiden viele Menschen unter leichten Winterdepressionen.

"Das Gehirn suggeriert mir, ich würde nichts taugen"

Keine Freude und null Energie: Schluss mit der Winterdepression

In der dunklen Jahreszeit leidet jeder Vierte unter Winterdepressionen. Meist gehen die Verstimmungen wieder weg. Peter Wulf, Chefarzt der Hephata-Klinik in Schwalmstadt, sagt, wann eine Therapie notwendig ist.

Herr Wulf, was unterscheidet eine Winterdepression, wie sie viele Menschen derzeit verspüren, von einer normalen Depression?

Peter Wulf: Winterdepressionen gehören zu den saisonalen, sogenannten atypischen Depressionen, sie treten zu bestimmten Zeiten auf und gehen irgendwann wieder zurück. Man empfindet ein Gefühl der Verarmung von allem, spürt keine Freude, hat keine Energie, zeigt keine Eigeninitiative, ein Gefühl der Gleichgültigkeit macht sich breit. Im Gegensatz zur klassischen Depression können Patienten mit atypischen Depressionen ihren Leidensdruck viel besser beschreiben und erleben diesen oft auch intensiver. Sie verharren nicht in gedrückter Stimmung, sondern können sehr wortreich ihre Befindlichkeiten beschreiben.

Kann grundsätzlich jeder an einer saisonalen Depression erkranken oder sind dafür nur bestimmte Menschen anfällig?

Wulf: Eine saisonale Depression kann jeden treffen. Statistisch sind Frauen etwas häufiger betroffen als Männer. Auch Menschen in Skandinavien sind wegen der Dunkelheit anfälliger dafür. Je mehr es in den Süden geht, desto weniger saisonale Depressionen treten auf.

Was sind die Auslöser für eine Winterdepression?

Wulf: Wir bewegen uns im Winter weniger, sind weniger aktiv. Das mindert wiederum unsere Leistungsfähigkeit und ein Gefühl der Schwäche kann entstehen. Das Gehirn nimmt diese Gefühle an und suggeriert mir, ich würde nichts taugen. Da wird es dann schwer, wieder allein herauszukommen.

Dass man sich im Winter weniger fit fühlt, ist ja nicht ungewöhnlich. Ab wann kann man aber von einer Depression sprechen?

Wulf: Um eine Depression zu diagnostizieren, gibt es bestimmte Kriterien, die erfüllt sein müssen. Ein Wichtiges ist dabei das Zeitkriterium. Wenn depressive Symptome vier Wochen lang durchgehend vorhanden sind, sollte man den Hausarzt aufsuchen.

Wie äußern sich denn depressive Symptome?

Wulf: Ein wesentliches Merkmal ist eine starke Konzentrationsschwäche. Man vergisst zum Beispiel im Gespräch mit anderen, was der Gegenüber gerade gesagt hat. Häufig traut man sich dann nicht nachzufragen, man zieht sich immer mehr zurück. Man fühlt sich wertlos und entwickelt pessimistische Zukunftsperspektiven. Der Schlaf ist qualitativ schlechter, das Ernährungsverhalten und das Körpergewicht ändern sich stark, was schädlich ist für das Selbstvertrauen. Man ist auch anfälliger für starken Suchtmittelkonsum.

Wie läuft eine Therapie bei saisonalen Depressionen ab?

Wulf: Die Unterstützung durch eine Psychotherapie ist sinnvoll und auch wirksam. Eine medikamentöse Therapie ist prinzipiell möglich. Häufig sprechen die Patienten aber auf ein Medikament nicht gut an. Wird eine Depression diagnostiziert, wird auch der Schweregrad der Depression mittels Fragebogen ermittelt. Je nach Ausprägung überlegt der Arzt dann gemeinsam mit dem Patienten, wie man ihm am besten helfen kann.

Was kann man vorbeugend tun, um einer Winterdepression zu entgehen?

Wulf:Gegen das Auftreten einer Depression kann man im Grunde wenig vorbeugend tun. Die Chance, hieran einmal im Leben zu erkranken, liegt bei Statistiken zufolge bei 15 bis 20 Prozent.

Wichtig ist mit der Erkrankung dann gut umzugehen, gut sozial eingebunden zu sein, nicht auf soziale Kontakte zu verzichten und sich körperlich zu bewegen.

Hilfreich ist auch eine Lichttherapie mit speziellen Tageslichtlampen. Dabei setzt man sich morgens und abends jeweils 30 bis 60 Minuten vor eine solche Lampe, wodurch der Körper suggeriert bekommt, er bekomme mehr Licht.

Zur Person

Hephata-Chefarzt Peter Wulf

Peter Wulf ist Chefarzt der Hephata-Klinik und Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie. Wulf war zuvor am Klinikum Fulda als Oberarzt mit dem Ausbau einer Station für die Behandlung von Depressiven betraut. Der 49-jährige Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist verheiratet und lebt in Fulda. Er ist Vater von zwei Söhnen. 

Schlafsucht und Heißhunger

Die Symptome einer Winterdepression weichen in mancher Hinsicht von denen der klassischen Depression ab. So sind Menschen mit Winterdepression extrem müde bis hin zur Schlafsucht (Hypersomnie). Insbesondere am Morgen finden sie nur schwer aus dem Bett.

Ein weiteres typisches Symptom für eine Winterdepression ist ein gesteigerter Appetit und ein Heißhunger auf Kohlenhydrate, vor allem nach Süßigkeiten. Daher legen Betroffene im Winter regelmäßig an Gewicht zu. Stärkeres Schlafbedürfnis und Lust auf Süßes sind im Winter allerdings nichts Ungewöhnliches. Erst wenn diese Bedürfnisse ausarten und zur Belastung werden, ist eine Behandlung notwendig.

Weitere Symptome sind: Energielosigkeit, Lustlosigkeit, Unausgeglichenheit, Gereiztheit, Antriebslosigkeit und Vernachlässigung sozialer Kontakte.

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